"Ich erkenne Homs nicht wieder. Homs war als ein besonders fröhlicher Ort bekannt, die Leute galten als sehr locker und ausgelassen." So erklärte mir vor einiger Zeit mein syrischer Mitbewohner, der aus der Nähe von Homs kommt. Er schilderte mir Homs als eine Art Las Vegas Syriens: ein Ort des Vergnügens, des Glückspiels, des Alkohol und des seichten Entertainments. Damit ist jetzt Schluß. Doch er macht dafür nicht die diktatorische und halsstarre Politik eines Assads verantwortlich, sondern die sogenannten Revolutionäre.
Mein Freund ist syrischer Christ. Und als der Wind der Veränderung auch in Syrien zu wehen begann, war auch die christliche Minderheit (etwa 15% der Bevölkerung sind syrische Christen) begeistert von der Aussicht von einem Neuanfang in Syrien. Doch dann begann sich - so die Erzählung meines Freundes - die Revolution einseitig muslimisch zu radikalisieren. Aus einem legitimen Protest gegen einen autokratischen Herrscher wurde der Versuch ein radikales islamische System aufzurichten. Bald merkten die Christen: es hier anders als in Ägypten. Auch wenn es natürlich diese Tendenzen und Gefahren auch in Ägypten gab, so war der Protest doch nicht auf diese Gruppen beschränkt. In Syrien nun fühlen sich christliche und andere Minderheiten nicht willkommen. Vielmehr: sie fürchten mitlerweile die Revolutionäre und berichten von zahlreichen Gräueltaten und Übergriffe gegen Minderheiten.
Die Berichterstattung in den westlichen Medien macht es sich das vielfach zu einfach, indem sie ein einfaches Schema anwendet: es gibt auf der einen Seite den Unterdrücker und auf der anderen Seite die Unterdrückten. Hier muss man an Mirwoslav Volfs Kritik der sogenannten Befreiungshteologie denken: wenn wir vor allem mit dem Begriff der Befreiung an komplexe soziale Probleme herantreten, geraten wir in Gefahr den Parteien starre Rollen zuzuschreiben: auf der einen Seite der ewige Täter und auf der anderen Seite die ewigen Opfer. Was aber wenn aus den Opfern von gestern die Täter von morgen werden (wie es in vielen Bürgerkriegen der Fall ist, man denke an Ruanda)?
Man hat da das Dilemma, dass die Dikaturen im Nahen Osten oftmals die Minderheiten schützen. Das liegt oft daran, dass sich die Eliten in diesen Staaten aus Minderheiten zusammensetzen. Das erklärt auch die Verbissenheit mit der diese Kämpfe von staatlicher Seite geführt werden: es geht hier nicht nur um stumpfen Machterhalt, es geht hier ganz real auch um das Überleben der eigenen Bevölkerungsgruppe, im Falle Syriens der Nusairier. Die große Frage ist: was ist die Alternative? Man kann nicht einfach das Assad Regime unterstützen weil es Stabilität und Schutz von Minderheiten bietet. Aber wie lassen sich sonst solche Umbruchszeiten gestalten ohne die Gefahr von "ethnischen Säuberungen"? Ich glaube an dieses tiefere Dilemma reicht die Berichterstattung, die man hierzulande liest und die sich mit den Worten "Warum tut der Westen nichts gegen Assad?" zusammenfassen lässt gar nicht heran.

